Museumsentstehung & Architektur

Der Gedanke, moderner Skulptur eine Behausung im Inneren des Landshuter Hofberges zu geben, der die Burg Trausnitz als Symbol mittelalterlicher Macht trägt, hat in der Ideenwelt des Bildhauers Fritz Koenig eine lange Vorgeschichte. Schon sehr früh ergibt sich eine Beziehung Koenigs mit dem Gelände. 1930 war er fünfjährig nach Landshut gekommen. Gleich der erste Besuch in der Stadt führte ihn mit seiner Mutter in das Haus eines Malzfabrikbesitzers am Fuß des Hofberges. Dieser ließ im Tagebau Lagerräume in den Berg hineintreiben, die heute, über sechzig Jahre später, den unterirdischen Räumen des Museums Platz gemacht haben. Bei diesem Besuch weigerte sich das kontaktscheue Kind, einen "Diener" zu machen und zeichnete stattdessen dem Freund der Familie als Zeichen des Grußes ein Pferd. Noch heute spricht der Bildhauer selbst von dem Gelände am Fuß des Hofberges als frühem "Tatort", an den er über Jahrzehnte hinweg immer wieder zurückkehrte. Während der als Last und Bedrängnis empfundenen Schulzeit (das Gymnasium lag unweit des Hofbergs) hat sich Fritz Koenig nach eigenem Zeugnis bei ausgedehnten Streifzügen auf dem Hofberg herumgetrieben und das Gelände des Parks erkundet.

1961 zogen Fritz Koenig und seine Frau Maria aus der Stadt nach Ganslberg, einem kleinen Dorf in Sichtweite Landshuts, wo sie auf dem Bergrücken über dem Ort Wohnhaus, Werkstatt, Stall und Wirtschaftsräume nach eigenen Vorstellungen bauen ließen. Dieser Komplex fügt sich harmonisch in die Landschaft ein. In der Entwicklung dieses Lebensraumes wurden Natur und Kunst in Einklang gebracht. Im Jahr 1972 erwarb der Künstler ein an sein Anwesen grenzendes waldgesäumtes Grundstück auf einer Bergkuppe, das aus Wiesen und Feldern bestand. Diese "große Waldkoppel" bot ideale Bedingungen für die Aufstellung von Skulpturen in freier Landschaft. Der Witterung und den Jahreszeien ausgesetzt, konnten sie ihre Qualität erweisen. Die "doppelte" Nutzung als Skulpturenpark und Pferdeweide ergab sich konsequent aus der Lebens- und Arbeitswelt des Künstlers. Bald verdichtete sich die Vorstellung einer endgültigen Aufstellung der Werke auf diesem Gelände bzw. in einem in die Bergkuppe eingeschnittenen, glasüberdachten Ausstellungsraum. Die Vorstellung einer bergenden Aufstellung des künstlerischen Lebenswerks Fritz Koenigs hat hier ihre ersten Wurzeln 1978 wurde in einer gewaltigen Geländebewegung mit dem Bau einer Autobahntrasse begonnen, die diesen Bergrücken quer durchschneiden sollte. Der Lebens- und Kunstraum der großen Waldkoppel, der die Werke Fritz Koenigs hätte aufnehmen können, ist heute unwiederbringlich zerstört.

Wohnhaus Fritz Koenig, Ganslberg

Die frühe Verbundenheit mit dem Hofberg weckte in dem Bildhauer Ende der achtziger Jahre den Wunsch, einmal eine Werkauswahl auf dem Parkgelände des Hofgartens auszustellen. Zusammen mit Helmut Stix, dem Kulturbeauftragten der Stadt Landshut, erkundete Fritz Koenig über Monate den Hofgarten auf der Suche nach Aufstellungsplätzen. Heute erinnert nur die "Steinrose", plaziert an einer zentralen Stelle auf dem Bergrücken des Parks, daran. Die Idee einer umfassenden, großangelegten Ausstellung erwies sich jedoch als nicht durchführbar.

Im Spätsommer 1987 gewann Helmut Stix Fritz Koenig dafür, in den gerade in einer Um- bzw. Neugestaltung befindlichen mittelalterlichen Kellerräumen des Landshuter Rathauses zum Jahreswechsel 1987/88 eine Werkschau zu zeigen. Diese Ausstellung mit dem Titel "Memento", in der als damaliger Schwerpunkt der plastischen Arbeit Fritz Koenigs die Werkgruppe der "Epitaphe" gezeigt wurde, machte erfahrbar, dass gerade diese Skulpturform keiner Aufstellung im Freien bedarf, ja dass sie aus der räumlichen Begrenzung eine besondere Wirkungsintensität schöpft. Die Aufstellung in "Kelleräumen" ohne jedes Tageslicht zeigte, wie sehr Skulptur und Raum einander entsprechen konnten. In den Gewölbekellern des Rathauses erwies sich, was vorher schon deutlich zutage getreten war: Die "Epitaphe" bedürfen einer Raumanlehnung, müssen "geborgen" werden. Sie besitzen ihren individuellen, durch ihre spezifische Formulierung vorgegebenen Rahmen und verlangen nach einem Innenraum beziehungsweise einem architektonisch gestalteten Freiraum. Schon diese kurz angerissenen, sich über Jahrzehnte erstreckenden Überlegungen auf dem Weg zum Projekt eines unterirdischen Museums im Inneren des Berges machen deutlich, dass es keine Initialzündung, keinen zeitlich genau bestimmbaren Ursprungsgedanken gegeben hat. Aber das Bedürfnis nach dem Bergen der Werke im Inneren eines Berges, die Erkenntnis der Möglichkeit, in erdschwer überfangenen Räumen ohne natürliche Belichtung, ohne den Einfluss der Elemente, ohne das Wechselspiel natürlichen Lichtes plastische Arbeiten wirkungsvoll zu präsentieren - all dies formte sich in der Ideenwelt des Künstlers zu der Vorstellung dieses Museumsbaus. Ein wesentlicher Aspekt war immer auch ein ambivalenter Wunsch nach Zeigen und Verbergen. Das Museum sollte in seiner Materialität nach außen nicht in Erscheinung treten, nicht zuletzt um die Topographie der gotischen Stadtlandschaft unverletzt zu bewahren. Koenig weihte Josef Deimer, den Oberbürgermeister der Stadt Landshut, in seine Gedanken ein, fand spontane Zustimmung und die volle Unterstützung seines späteren Bauherrn. Der Rat der Stadt trug das Projekt von Beginn an mit.

Bei einer Begegnung mit Prof. Fred Angerer, Inhaber des Lehrstuhls für Städtebau und Entwerfen an der Technischen Universität München sprach der Bildhauer von seiner Idee. 1964 war Fritz Koenig dort als Professor für Plastisches Gestalten berufen worden. Gemeinsam erkannten sie die Möglichkeiten dieser ungewöhnlichen Aufgabe. Im Wintersemester 1988/89 war das Skulpturenmuseum im "Bauch" des Hofberges Semesteraufgabe an beiden Lehrstühlen. Bald zeigte sich, dass Koenigs Vorstellungen klar fixiert waren. Die Studenten kollidierten in ihren Entwürfen meist mit der grundsätzlichen Forderung nach einer äußeren "Unsichtbarkeit" des Baus. Die damalige Studentin Meike Gerchow erreichte in ihrem Studienentwurf die größtmögliche Annäherung an die Vorstellungen Koenigs.

Durch die Schaffung dieser Vorbedingungen konkretisierte sich das Vorhaben einer Stiftung sämtlicher Sammlungen. Der Grundgedanke einer Stiftung in der vorliegenden Form lag für Fritz und Maria Koenig in der Erkenntnis, dass der Ganslberg in seiner jetzigen Gestalt als vollendeter, in sich gerundeter Lebens- und Kunstraum für die ferne Zukunft nicht zu konservieren ist. Weder Milieu noch originale Haptik, wesentlich gerade für die Wahrnehmung eines bildnerisch geschulten Menschen, sind über die Grenzen der Zeit zu retten. Das Ineinandergreifen von bildnerischem Schaffen, Aufbau der Sammlungen und Araberzucht in einer bäuerlichen Lebensstruktur bedingt sich untereinander, bildet ein in sich geschlossenes System. Selbst die Bildwerke Afrikas wurden, bei aller individuell gewährten Autarkie, von der Welt des Ganslberg aufgenommen. Fritz Koenig selbst spricht davon, dass in diesem Lebensbereich "alles allem gedient habe." Ein Teil der Sammlungen wird aus diesem Kosmos nun herausgelöst, "vom Ganslberg in den Hofberg" verlegt und damit öffentlich gemacht. 1993 schloss das Ehepaar Fritz und Maria Koenig einen Vertrag mit der Stadt Landshut mit dem Ziel der Errichtung einer rechtsfähigen öffentlichen Stiftung des bürgerlichen Rechts. Damit übertrugen sie ihren gesamten Besitz der Stiftung. Die darin enthaltenen Sammlungen umfassen das künstlerische Gesamtwerk des Bildhauers und die international renommierte Sammlung afrikanischer Kunst. Hinzu kommen Sammlungen von Gemälden und Plastik von der Antike bis in das 20. Jahrhundert. Die Stadt Landshut erklärte im Gegenzug ihre Bereitschaft, das Museum zu bauen und zu unterhalten.

Der Architekt Peter Gehring wurde mit der Planung beauftragt. Er zog Meike Gerchow, deren Studienentwurf als Grundlage diente, als freie Mitarbeiterin bei der Planung hinzu. Die Bauleitung wurde von Dipl.-Ing. Theodor Burger und Dipl.-Ing. Josef Wünsch am Hochbauamt der Stadt Landshut übernommen. Die Bauarbeiten dauerten drei Jahre, von Sommer 1994 bis Herbst 1997. Von außen sind von dem 2200 qm großen Bau nur zwei Tore in der Ziegelfassade der alten Stadtmauer sichtbar. Er beansprucht durch seine räumliche Einbindung in die Topographie der Stadtlandschaft unterhalb dr Burg Trausnitz zwischen den gotischen Kirchen St. Martin und St. Jodok kein eigenes äußeres Erscheinungsbild. Der Bau liegt hinter der historischen Stadtmauer unter dem bewaldeten Gelände des Hofberges. Im Inneren bestimmt der Kontrast zwischen der technoiden Härte des weiß gestrichenen Sichtbetons und der historischen Substanz der Ziegelmauer den Raumeindruck. Ein mäandernder Grundriß erschließt dem Besucher Raum für Raum.

Im Sommer des Jahres 1997 zog ein Großteil der Werke Fritz Koenigs vom Ganslberg um in die Hallen des unterirdischen Baus, wo sie, den wechselnden Einflüssen der freien Landschaft entzogen, den konstanten Bedingungen architektonischer Räume ausgesetzt sind. Der Gedanke einer teilweisen Bergung des Kosmos Ganslberg führte zu Ausstellungskonzeptionen unter dem Leitgedanken "Arche Noah". Gedanklich wurden die Möglichkeiten durchgespielt, einen Querschnitt durch die gestifteten Sammlungen zu zeigen. Das Werk Koenig war in der Vergangenheit immer in einzelnen Werkabschnitten gezeigt worden. Bei der letzten großen Schau 1988/1989 in der Neuen Pinakothek München und der Akademie der Künste Berlin stand die Werkgruppe der Epitaphe im Vordergrund. Die letzte umfassende Retrospektive war 1974 ausgerichtet worden. Aus diesem Grund wurde letztlich eine Entscheidung für die Austellung "Fritz Koenig. Skulptur und Zeichnung 1942-1997" getroffen. Erstmals spannte sich so der Bogen, dargestellt in einer Werkauswahl aus Stiftungsbesitz, von den frühen zeichnerischen Arbeiten der Kriegsjahre bis hin zu Plastiken des Jahres 1997. Skulptur und Zeichnung stehen in den Museumsräumen korrespondierend nebeneinander, zeigen die Wechselwirkung der Gattungen aufeinander ebenso wie deren autarken Charakter. Die Konzeption der Werkschau lag in der Hand des Bildhauers. Als nächstes großes Ausstellungsprojekt wird derzeit die Sammlung afrikanischer Kunst aus dem Besitz der Stiftung gezeigt werden.

Mit dem Projekt "Skulpturenmuseum im Hofberg" haben die Stadt Landshut und die Stiftung Fritz und Maria Koenig einen Ort geschaffen, an dem Begegnungen mit dem bildnerischen Schaffen unterschiedlicher Kultur- und Zeiträume möglich sind.

Skulpturenmuseum im Hofberg, Landshut